Die Rennen im Leipziger Stadtpark


Text und Fotos: Günter Geyler


Nach dem Zweiten Weltkrieg konnten die Rennsportfreunde in Ostdeutschland auf die früheren Traditionsrennstecken in Hohenstein-Ernstthal, Schleiz und Lückendorf zurückgreifen, auch entstanden in den 1950er Jahren neue, anspruchsvolle Pisten, aber auch abenteuerliche Routen „Rund um den Dorfteich“. Beinahe jede größere Stadt in Ostdeutschland besaß bald eine Rennstrecke. Auch die Leipziger wollten nicht nur die Messe ausrichten, sondern in ihrer Stadt ebenfalls Motorsport erleben.

Nur wenige Kilometer vom Stadtzentrum entfernt liegt der Stadtpark mit der Pferderennbahn „Scheibenholz“. Die breiten Straßen um diesen Park mit 21 Kurven eigneten sich damals als eine Rennstrecke für Solo-Motorräder der Klassen von 125 bis 500 ccm und der Seitenwagengespanne bis 600 und über 600 ccm. Dazu kamen die Sportwagen der Klassen bis 1100, 1500 und 2000 ccm und die 500er Formel 3 Rennwagen, die 750er Kleinstrennwagen und die 2000er Autos der Formel 2.
200 000 Zuschauer strömten Anfang Juli 1950 zum Leipziger Stadtpark, um das Eröffnungsrennen an der 4,3 Kilometer langen Piste zu erleben. Die Veranstaltung war für Lizenz-, Ausweis- und Nachwuchsfahrer ausgeschrieben. Neben vielen Neulingen starteten auch einige bekannte Vorkriegs-Rennfahrer, so auch die früheren DKW-Werksfahrer Bernhard Petruschke auf IFA-DKW 125 und sein „allerbester Freund“ Walfried Winkler mit der 250er Kompressor-DKW, die er vor dem räuberischen Zugriff der Russen gerettet hatte. Der ehemalige DKW-Geländefahrer Edgar Barth war inzwischen auf das 350er Norton-Rennmotorrad umgestiegen. Außerdem fuhr der Sieger des Nürburgring-Sportwagenrennens von 1938, Paul Greifzu, seinen Formel 2 Eigenbau-Rennwagen.

Diese vier Vorkriegs-Motorsportler holten auch in ihrer jeweiligen Klasse die Siege. Dazu gesellten sich noch die damals jüngeren Lizenz-Motorrad-Rennpiloten Karl-Heinz Kirchner, Erich Wünsche und Ernst Ebersberger sowie bei den Renn- und Sportwagen   Willy Lehmann, Hans-Joachim Kranke, Helm Glöckler und Theo Helfrich. Ab 1951 kämpften die ostdeutschen Rennsportler im Leipziger Stadtpark um Wertungspunkte zur DDR-Meisterschaft. Trotzdem liefen diese Rennen stets mit starker westdeutscher Beteiligung. Zu den Motorrad-Spitzenfahrern aus der früheren BRD gehörten die Gäste Hein Thorn-Prikker (Moto Guzzi), Rudi Knees (Norton) , Hans Baltisberger, Fritz Kläger (beide AJS), Karl Lottes (DKW), Dieter Falk (Adler) und die NSU-Sportmax-Fahrer Wolfgang Brand, Michael Schneider, Roland Heck, Helmut Hallmeier. Lediglich die Werkspiloten von BMW, DKW und NSU fehlten in den Motorrad-Soloklassen. Bei den Seitenwagen-Gespannen starteten aber die weltbesten westdeutschen Fahrer, größtenteils auf BMW-Maschinen.

Zu den Automobil-Rennen kamen ausschließlich nur Privatfahrer aus der BRD nach Leipzig. Der Prominenteste war der frühere Berg-Europameister Hans Stuck , der 1952 im Regenrennen auf seinem Formel 2 AFM siegte.
Bereits 1952 werteten drei Sportfreunde aus der früheren CSR die Veranstaltung international auf: Frantisek Bartos startete auf CZ-Walter in der 250er Klasse, die Auto-Piloten Vaclav Bobek und Jaroslav Pavelka steuerten den Skoda- und Tatra Sportwagen. Im zweiten 1952er Rennen waren die Deutschen auf dem Stadtparkkurs wieder unter sich. Kurios: Im Lauf der 500er Soloklasse glänzte der Westdeutsche Rudi Knees mit der Norton. Der Chemnitzer DDR-Meister Gerhard Mette aber startete am gleichen Tag auf seiner BMW beim Rennen in Hamburg! 1953 strichen die Leipziger die 500er Soloklasse, die 750er Gespanne, die 750er Kleinstrennwagen , die 2000er Formel 2-Rennwagen und die 2000er Sportwagen aus ihrem Programm. Im Jahr 1954 – wiederum war ich mit dem Fahrrad von Chemnitz zum Leipziger Stadtpark-Rennen gefahren - erlebte ich beim Lauf der 500er Formel 3 Rennwagen ein paar schlimme Schrecksekunden: Ich kniete mit meinem Fotoapparat in der Waldkurve hinter einem Strohballen vor einer Tribüne. Als ich gerade die Spitzengruppe fotografierte, versteuerte sich der Güstrower Karl-August Bergmann. Mitsamt dem Ballen schob mich dieser wilde Mensch unter die Tribüne! Eine Glanzleistung im 1954er Rennen: Der Thüringer Karl-Heinz Kirchner besiegte im Lauf der 350er Solomaschinen mit seiner 250er NSU-Eigenbau-Maschine alle Rivalen, die auf echten 350er Motorrädern fuhren. Ein weiterer Thüringer, Hans-Joachim Scheel, begeistere die Massen 1955 im 250er Rennen: Mit seiner unterlegenen AWO kämpfte er gegen den früheren NSU-Werksfahrer Wolfgang Brand, der die NSU-Sportmax steuerte. Auch im Lauf der 1500er Rennsportwagen erlebten die Zuschauer einen rundenlangen Spitzenkampf zwischen den beiden EMW-Akteuren Edgar Barth und Arthur Rosenhammer. Barth, der wenige Tage vorher auf dem Nürburgring siegte, ließ hier seinen Stallgefährten Rosenhammer gewinnen: „Der Arthur hätte sonst kein Wort mehr mit mir gesprochen!“

Ein Jahr später sah das Publikum letztmalig die 1500er Rennsportwagen. Es war noch einmal eine Demonstration der Eisenacher Werkspiloten Barth vor Rosenhammer. Ende des Jahres 1956 zog sich AWE vom Rennsport zurück. Für die Freunde des Automobil-Rennsports blieben danach nur noch die Läufe der Formel 3. Die Motorradrennen waren ab 1957 auf die Klassen 125, 250 und Gespanne bis 500 ccm beschränkt. In der Achtelliterklasse dominierten weiterhin die MZ-Spitzenfahrer mit ihren Einzylinder Zweitakt-Maschinen. Ein anderes  Bild zeigte die 250er Klasse: Hier glänzten die westdeutschen Gäste auf NSU-Sportmax und auf Adler. Trotz guter Besetzung der Läufe - bei den Gespannen startete die Weltspitze mit Hillebrand-Grunwald und Schneider-Strauß - ging die Zuschauer-Resonanz merklich zurück! Nur noch 35 000 Rennsportfreunde besuchten 1958 das letzte Leipziger Stadtpark-Rennen, bei dem sie in der Formel 3 einen packenden Generationskampf zwischen Sohn und Vater Kurt Ahrens verfolgten.
Auf dem Motorrad holte Bernhard Petruschke von 1950 bis 1955 in Leipzig mit der jeweils schnellsten 125er Maschine sechs Siege. Im vorgerückten Alter leistete er als Rennfahrer Beachtliches! Arthur Rosenhammer, der erfolgreichste Automobil-Pilot im Stadtpark, gewann im Formel 2-Rennwagen des Rennkollektivs Johannisthal und im 1500er Rennsportwagen des Eisenacher Kollektivs insgesamt vier Läufe. Die älteren Motorsport-Freunde erinnern sich noch gern an die Rennen im Leipziger Stadtpark. Inzwischen sind viele der einst großartigen Akteure nicht mehr am Leben…

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